Von Almanya nach Al-Minya

Mein Jahr in Ägypten

28März
2016

Hopsen, Hopsen, Hopsen

Liebe Freunde,

ein frohes und gesegnetes Osterfest wünsche ich euch, auch wenn es sicherlich schon vorüber ist, wenn ihr diesen Eintrag lest. Ich hoffe, ihr hattet alle schöne Feiertage und Zeit mit euren Liebsten.
Wenn du aber ein koptischer Christ bist, kommen meine Glückwünsche noch rechtzeitig, denn die koptisch-orthodoxen Christen feiern nicht nur Weihnachten sondern auch Ostern etwas später als wir
Europäer und befinden sich jetzt noch in ihrer sehr streng eingehaltenen Fastenzeit.
Zu der Messe der Nonnen in der Osternacht waren aber alle Konfessionen vertreten, von Katholiken, Orthodoxen, Evangelikalen
sogar bis hin zu Muslimen. Nach den Feierlichkeiten bekam jeder Gast ein gefärbtes Ei und ein Brot. Doch ich habe nicht nur während der Osternacht mit den Schwestern am Feuer gesessen, sondern durfte mich gleich für das ganze Osterfest bei ihnen einquartieren.

    

Oster-Kloster

Schwester Petra, die Leiterin der Krankenstation, hatte mich eingeladen, mit den Nonnen zu feiern und sogar insistierend darauf bestanden, dass ich gleich sechs Tage bei ihnen bleibe.
Den Palmsonntag hatte ich auch schon in ihrer Runde verbracht und wir schritten mit Palmwedeln durch den Garten, um den Einzug Jesu in Jerusalem nachzuspielen. 

Während in ganz Kairo kein Zeichen von Ostern zu entdecken war, betrat man im Kloster eine Art deutsche Parallelwelt, denn am Ostersamstag wurde der deutsche Schmuck vom Dachboden heruntergeholt. Ich hatte die Ehre, die kleinen Ostereier und Häschen, die mit Sicherheit schon länger als ich ihr irdisches Dasein fristen, im Haus zu verteilen, während draußen der Ruf des Muezzins durch die Straßen schallte. Am Sonntag war natürlich ein ganz normaler Arbeitstag und der Osterspaziergang wurde so zu einem staubigen Slalom zwischen Rindsköpfen, Blumenkohl und einer Bus-Karambolage. Doch innerhalb der Klostermauern herrschte durchaus Feststimmung. Nicht nur der Schmuck trug dazu bei sondern auch Oberin Anxeta, die mit ihren 86-Jahren als einzige verbliebene Deutsche Osterhase gespielt hatte. Mit ihrem Krückstock und künstlichen Gelenken kletterte sie hinter Schränke oder unter Betten, um die selbtgemachten Osternester zu verstecken. Auch ich durfte eines in meinem Bett finden. Der Pater, der extra aus Deutschland eingeflogen wurde, musste in der Sakristei suchen und wurde in seinem Priestergewand fündig.
Mein Osterpräsent bestand aus einem hübsch bestickten Stoffbeutel und tatsächlich echten Birkenstock-Sandalen. Da wurde das Klischee der Deutschen wieder einmal bestätigt.

Morgen geht aber der Arbeitsalltag wieder los, vorerst muss ich also von den Nonnen Abschied nehmen und in meinen neuen Birkenstock-Sandalen nach Hause wandern.

 

Besuch von Schwester Aloisia 

Seit ich auf der Krankenstation arbeite, verbringe ich natürlich viel Zeit im Kloster und so habe ich auch den Besuch einer Schwester namens Aloisia miterlebt. Es war etwas ungewohnt, plötzlich einen sächsischen Akzent zu vernehmen, als sie erstmals die Krankenstation besichtigte.

Aber sie als Görlitzerin hat sich womöglich auch sehr gefreut, sich mit jemandem zu unterhalten, der ein "Nu" versteht und ihr Heimatdorf kennt.

Mit 76 Jahren hatte sie sich ihren Traum erfüllen dürfen, einmal nach Ägypten zu reisen. Als ich sie fragte, wie sie mit den ungewohnten Bedingungen in Kairo zurechtkäme, warf die noch sehr rüstige Dame mir einen bedeutungsvollen Blick zu und sagte: "Na, sie wissen ja Ida: Hopsen, hopsen, hopsen." Gemeinsam mit Schwester Aloisia durfte ich ein bisschen auf Entdeckungsreise gehen und so bekamen wir in einem abgelegenem koptischen Kloster von einem Einsiedlermönch namens Serapion El Baramousy, der eine Straußenfarm unterhält, jede ein Straußenei geschenkt.
Auch in die Müllstadt haben wir einen Ausflug unternommen. Dort leben die Ärmsten der Armen. Sie bemühen sich, wenigsten ein wenig Geld zu verdienen, indem sie versuchen den Müllbergen in Kairo beizukommen, was ein Ding der Unmöglichkeit ist, und dann den Müll weiterzuverkaufen.
Die Lebensbedingungen dort sind unmenschlich und die Infektionsrate von Krankheiten wie z.B. Hepatitis C ist durch die Massen an Abfall unfassbar hoch. Man sieht Kinder, die den Müll sortieren anstatt etwas zu lernen. Schulen gibt es dort nicht. So wird es auch für die heranwachsende Generation schwierig, der lebensunwürdigen Situation zu entkommen.

Ein Besuch bei der Zitadelle mit Schwester Bernadette und Schwester Aloisia.

Meine Arbeit

Auch auf der Krankenstation begegnet man immer wieder scheinbar hoffnungslosen Schicksalen, aber ich habe natürlich kaum Gelegenheit, die Leute genauer kennenzulernen, da man ihnen ja nur für wenige Minuten im Behandlungsraum begegnet. Dafür durfte ich inzwischen etwas mehr über meine KollegInnen erfahren. Viele der Angestellten sind selbst ehemalige PatientInnen, die von den Schwestern angelernt wurden. Ein junger Mann ist vor ein paar Jahren mit schweren Verbrennungen in die Krankenstation gekommen und auch heute noch sieht man die Narben an Armen und Händen.
Nach seiner Genesung war er so dankbar, dass er daraufhin entschied, bei den Schwestern mitzuhelfen. Ein anderes Mädchen kommt aus einer sehr armen Familie, die sich ihre Schulbildung nur bis zur dritten Klasse leisten konnte, sodass sie nicht richtig Arabisch sprechen kann und auch das Lesen und Schreiben wieder verlernt hat. Sie ist jetzt so alt wie ich und Schwester Petra schimpft oft mit ihr, wenn sie Dinge falsch versteht oder durcheinanderbringt. Aber sie ist eine der Fleißigsten auf der Station und wir arbeiten oft zusammen. Wir unterhalten uns dann auf Arabisch und sie gibt mir ein bisschen Unterricht, während ich versuche, ihr ein paar deutsche Worte beizubringen, denn dumm ist sie ganz und gar nicht. Sie geht dann immer ganz stolz zu den Schwestern und sagt alle neuen Worte auf, die meistens irgendetwas mit der Station zu tun haben.
Das hört sich dann zur Belustigung der Deutschsprechenden zum Beispiel so an: "Tschüs. Schüssel. Ich Hassan Maria. Dose. Kittel. Ohr. Uhr. Schlafen. Hunger. Baby. Messer. Jesus. Still. Fertig."
Auch der Muttertag stellte einen Höhepunkt des letzten Monats dar. Die Rolle der Frau als Mutter ist hier traditionell noch viel wichtiger als das bei uns der Fall ist, beziehungsweise wird ihr eine viel größere Bedeutung beigemessen. Der Muttertag wird hier eine Woche lang mit Liedern und Geschenken für alle gefeiert. Sogar ich habe ein großes Geschenk bekommen mit der Begründung: "Wir sind doch alle Mütter". Den ganzen Tag über kamen ehemalige Patienten mit roten Rosen, Pralinen und Glückwünschen zu den Schwestern. Am Morgen winkte Oberin Anxeta vom efeuumrankten Balkon des Klosters, während die Kindergartenkinder ihr Blumen brachten und wochenlang einstudierte Lieder vorsangen.

Selbst auf den Straßen erschallten Muttertagslieder und Fremde wünschten einem ein glückliches Leben.
Diese Wünsche möchte ich natürlich an euch alle weitergeben, denn es ist immernoch Muttertagszeit.

!!!كل سنة انتي طيبة

(Mögest du jedes Jahr glücklich sein!!!)

 

Statt eines Rätsels möchte ich mich heute mit einem Anliegen an euch wenden. Und zwar könnt ihr für meine Arbeit oder für meine Organisation „jesuitvolunteers“ spenden.

Hier die Informationen:
Empfänger: Jesuitenmission
Konto-Nr. 5115582
BLZ: 750 903 00 (Liga Bank)
Verwendungszweck: Projekt X38000 Freiwilligendienst

Sie machen wirklich tolle Arbeit und finanzieren diese zu einem Großteil aus Spenden, hier der Link zu ihrer Seite: http://www.jesuitenmission.de/home.html
Da könnt ihr ein bisschen stöbern.

Wenn ihr für meine Arbeit im Speziellen spenden möchtet, könnt ihr auf folgendes Konto eine Spende überweisen:

Hier die Informationen:
Empfänger: Jesuitenmission
Konto-Nr. 5115582
BLZ: 750 903 00 (Liga Bank)
Verwendungszweck: Projekt X38230 Lina Ida Wutzler

Das Geld wird dort gesammelt bis ich wieder da bin und entscheide, was damit passieren wird.
Es kommt dann aber zu 100% meinem Projekt, also der Krankenstation der Borromäerinnen, zugute.

Ich freue mich über jeden kleinen Betrag!

Einen Chor habe ich im letzten Monat ebenfalls gefunden und sang sogleich bei der Einweihung von Kirchenfenstern mit, die im letzten Jahr bei einem Bombenanschlag zertrümmert wurden.

Liebe Grüße,
Lina Ida