Von Almanya nach Al-Minya

Mein Jahr in Ägypten

28April
2016

Kleine Führung

Liebe Freunde,

anstatt wie sonst große Reden zu schwingen von meinen Erfahrungen hier in Ägypten, möchte ich euch heute meinen Arbeitsalltag visuell etwas veranschaulichen und einen kleinen Ausflug durch die Krankenstation machen - schließlich verbringe ich den Großteil meiner Zeit in diesen Räumen.

Jalla bina! (Los geht's!)

 

Die Krankenstation gehört zum Kloster des deutschen Ordens der Borromäerinnen und hat bis auf Sonntag und dem Putztag Donnerstag täglich von 08:00-12:30 Uhr geöffnet. Wenn man nicht gerade ein Angestellter oder wie in meinem Fall ein "JesuitVolunteer" ist, vetreibt man sich die Zeit im Wartebereich, von dem hier ein Stück zu sehen ist, auf die Behandlung. Das kann bei etwa 500-1000 (an Wochenenden sogar mehr) Patienten schon mal eine Weile dauern, sodass Kinder den langen Gang zum Fangen spielen nutzen oder die Angestellten die eine oder andere Auseinandersetzung schlichten müssen, die sich in der Wartezeit aufgetan hat.


Wenn man dann an die Reihe kommt, nimmt man zunächst auf einem der drei Stühle Platz (Da kaum jemand allein kommt, drängt sich der Familienclan meist noch irgendwo dazwischen.) und wird bei der gerade verfügbaren Schwester oder dem angelernten Personal behandelt.
Auf zauberhafte Weise wissen diese stets sofort, welche der unzähligen Salben die Schmerzen und Leiden stillen können. Etwa zwei Drittel der Patienten kommen wegen Verbrennungen im Haushalt, da zum Kochen größtenteils offenes Feuer entfacht wird.
Im besten Fall bekommt man also einen schicken Verband und ein Bonbon...

...wie hier von Schwester Petra und darf sich wieder auf den Heimweg machen.

Wird es etwas spezifischer, wird man zum Beispiel zu Hassan, dem Ohrenspezialisten, geschickt. Dieser kann an einem Arbeitstag schon mal 1000 Ohren zu Gesicht bekommen kann und sie nicht nur reinigt sondern manchmal sogar Knöpfe, Gummis oder sogar kleine Perlen ans Tageslicht befördern muss.
Direkt an seinen Bereich grenzt die "Augenecke", für die es in der Vorbereitungszeit stets erstaunlich viele Tropfen in kleine Fläschchen zu füllen, Kompressen zu schneiden oder Cremes zu rühren gibt.

Ab und zu gibt es auch die eine oder andere Operation. Bei unentstehendem Bild durfte ich einer Warzenentfernung beiwohnen.

Wenn sich die Schwestern nicht mehr zu helfen wissen, werden die Patienten an den Doktor überwiesen, dem man am Ende des Gangs seine Aufwartung machen kann.
Was mich am Anfang, die ich an Privataudienzen und Schweigepflicht gewöhnt bin, besonders erstaunt hat, ist, dass nicht nur ein Patient im Sprechzimmer sitzt sondern gleich mehrere auf ihre Behandlung warten und sich die Zeit vertreiben, indem sie den Patienten vor ihnen lauschen.
Viele scheuen den Arzt aber, zum einen weil sie den Schwestern, die schon seit 25 Jahren auf der Krankenstation arbeiten, mehr trauen als dem Doktor und zum anderen, weil eine Anhörung beim Arzt doppelt so teuer ist. So kostet eine Behandlung bei den Schwestern umgerechnet zwischen 0,5-1,0€. Der zweifache Betrag stellt für viele ein unüberwindbares Hindernis dar, denn für zwei Euro kann man sich in entsprechenden Läden etwa 60 Fladenbrote kaufen, was dann die Wochenration für eine einfache Familie bedeutet.
Natürlich machen die Schwestern Ausnahmen und behandeln, ohne einen Cent dafür zu nehmen, aber viele Menschen wollen sich nicht einfach etwas schenken lassen.

Zwischen den Behandlungszimmern gibt es auch noch eine Art Backstagebereich, wo fleißig gerührt, geschnitten, gezählt, sortiert, geputzt und anderweitig vorbereitet wird.
Dort befindet sich mein Büro, wie Schwester Bernadette scherzhaft meinte, denn die meiste Zeit habe ich dort zu tun. Auf untenstehendem Bild bin ich gerade damit beschäftigt, die Abrechnungen für April auszurechnen und in meiner feinsten Sonntagsschrift aufzuschreiben.

Nachdem die Pforten der Station geschlossen wurden, steht der tägliche Putzmarathon bevor, bei dem gefegt, geschrubbt und alle Skalpelle eingeseift werden.
Normalerweise ist das Aufgabe des angelernten Personals, aber Schwester Bernadette packt fleißig mit an, wenn sie einen Augenblick Zeit findet.


Blitzen und blinken Räume und Gerätschaften wieder, werden die Räume verriegelt und die Nonnen schreiten zum Mittagsmahl. In den meisten Fällen laden sie mich ein und ich darf die Kochkünste von Schwester Damiana bestaunen und so geht mein Arbeitstag meist zuende.

Die kommenden Tage habe ich allerdings frei, denn was ich mir in Schulzeiten oftmals gewünscht habe, ist jetzt eingetreten. Die Kopten feiern am kommenden Wochenende ihr Osterfest, sodass ich zum zweiten Mal Osterferien habe, die ich mit meiner Mutter verbringe, die sich noch einmal auf den Weg ins Egyptland macht.


Oberin Anxeta (rechts) schmückt ebenfalls zum zweiten Mal im Jahr Osternester in ihrer eigens dafür eingerichteten Werkstatt.

Noch ein kleiner Exkurs zu den Demonstrationen der letzten Wochen, weil einige von euch gefragt hatten.
Viele Kairiner waren empört über die Entscheidung der Regierung unter President Sisi, zwei Inseln nahe des Sinais an Saudi-Arabien zu verkaufen und haben sich nicht an dieser Entscheidung beteiligt gefühlt.
Das war der Auslöser für Demonstrationen, die erneut das fehlende demokratische Partizipationsrecht thematisierten. Aber unter anderem wegen eines riesigen militärischen Aufgebots ging bis auf zahlreiche Verhaftungen alles weitestgehend friedlich vonstatten.

Liebe Grüße und frohe Ostern (natürlich an alle Kopten),
Lina Ida