Von Almanya nach Al-Minya

Mein Jahr in Ägypten

28Februar
2016

Where do you come from?

Diese Frage bekomme ich neben anderen wie „Where do you go?“ immernoch sehr oft auf der Straße gestellt, obwohl ich das Gefühl habe, dass mich die Leute doch inzwischen kennen müssten, was bei fast 100 Millionen Einwohnern ein Ding der Unmöglichkeit ist. Auch mein Besuch hatte sich derartigen Fragen häufiger zu stellen. Mein Bruder gab sie einmal an den Fragenden zurück, der darauf schlagfertig entgegnete, er käme von seiner Mutter.

Solche, meist stolz in gebrochenem Englisch vorgetragenen, Kontaktaufnahmen wären eigentlich eine gute Möglichkeit, über Gott und die Welt zu reden. Gerade in einem Land wie Ägypten wäre es sicher spannend über Fragen wie „Wo kommen wir her?“ und „Wo gehen wir hin?“ ins Gespräch zu kommen, aber in den meisten Fällen ist das mit Sicherheit nicht angebracht und würde noch mehr ungeklärte Fragen aufwerfen.

Auch möchte ich euch nicht mit meinen Gedanken zu solchen Themen auf die Nerven gehen, sondern die Frage „Where do I come from?“ nur für die Zeit seit meinem letzten Blogeintrag beantworten, denn der letzte Monat war sicherlich einer der ereignisreichsten und entscheidungsträchtigsten seit meiner Ankunft in Ägypten.

Ich gehe ausnahmsweise mal ganz chronologisch vor.


Referentenbesuch

Am Anfang des Jahres durften Flo und ich einen lieben Gast aus Nürnberg am Kairoer Flughafen in Empfang nehmen. Christian, der neue Referent bei „jesuitvolunteers“ hatte seine Koffer gepackt und war über den mittelgroßen Teich geflogen, um sich ein besseres Bild von unserer Wohn- und Arbeitssituation und unserem Leben im Allgemeinen zu machen. Zu diesem Zweck besichtigte er unsere Projekte in Kairo und Minia, sprach mit allen möglichen Verantwortlichen und Mitarbeitern und konnte bei dem ganzen Trubel sogar noch einen Blick auf die Pyramiden werfen.

Natürlich ging es bei vielen Gesprächen auch darum, wie man meine Situation verbessern könnte. Mein Wunsch war schon zu diesem Zeitpunkt, eventuell ebenso wie Flo nach Kairo umsiedeln zu können. Und nachdem wir Christian wieder verabschiedet hatten und ihn sein Flugzeug ohne Imponderabilien vom Sandboden aus startend sicher wieder in Deutschland auf den Erdboden abgesetzt hatte, fiel bald die Entscheidung, dass ich tatsächlich mit all meinen sieben Sachen nach Kairo umziehen durfte.

 

Ich bin kein Berliner sondern ein Kairiner.

So oder so ähnlich müsste eigentlich der Titel meines Blogs geändert werden, aber der Einfachheit halber belasse ich es bei dem alten Schriftzug, da ich ja auch noch nie ein Berliner war.

Da ich schon zuvor viel Zeit in meiner neuen Heimat Kairo verbracht hatte, war der Umzug sehr unkompliziert umsetzbar. Natürlich ging es mir schon zu Herzen, Minia mit allen schönen Erinnerungen, Erfahrungen und vor allem den lieben Freunden und Menschen, die für mich da gewesen sind, zu verlassen. Ich bin sehr dankbar für das halbe Jahr in Oberägypten und wenn ich in meinen Aufzeichnungen stöbere, begegnen mir viele schöne Ereignisse, die ich mit Minia verbinde.
In meinen letzten Blogeinträgen klingen die Gründe zum Weiterziehen allerdings schon an und wer genauere Erklärungen haben möchte, kann mir gerne schreiben.

Die erste Woche in Kairo war dann damit gefüllt, nach möglichen Arbeits- und Wohnungsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Ich unterhielt mich zum Beispiel mit der Mitorganisatorin eines sehr großen Wüsten-Festivals names „Oshtoora“, das Künstler aus dem ganzen arabischen Raum einlädt, die dann drei Tage lang die Wüste unsicher machen. Weiterhin hatte ich ein Gespräch mit dem Leiter einer Kunstschule, die Kinder mittelloser Familien an Zirkusartistik und Musik heranführt und ihnen so eine Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit bietet, um das mal in seinen Worten auszudrücken. Für mich hielt diese Woche noch keine neue Perspektive bereit, aber umso beeindruckter war ich über die vielen tollen, jungen Projekte, die es in Ägypten gibt.

 

Inmitten dieses Prozesses stand unser Zwischenseminar vor der Tür und Florian und ich flogen - mit einem kurzen Aufenthalt in Paris, der aber lang genug war, um dieses Foto zu schießen...

...nach Rabat-Sale (Wem fällt ebenfalls dieses Wortspiel² auf?) in Marokko.

 

Dauerstaunen statt Dauerstau

Die beiden deutschen Freiwilligen in Marokko haben nicht schlecht geschaut, als Flo und ich fast alles mit den Worten „wunderschön“ und „ästhetisch“ bestaunten. Als wir dann noch ins Schwärmen gerieten und mit Attributen wie „so sauber“, „so ruhig“. „so weltoffen“ und „so gute Luft“ um uns warfen, dachten sie wahrscheinlich, wir wollten sie auf den Arm nehmen.

Doch tatsächlich erschien uns Rabat ganz anders als Kairo, wo Dauerstau, staubige Luft, der omnipräsente Müll und das Hupkonzert uns schon gar nicht mehr aufgefallen waren.
Es war spannend, sich mit den beiden auszutauschen und zu sehen, wie verschieden Marokko und Ägypten zwar sind, aber wie ähnlich unsere Probleme aussehen sowie die Dinge, die wir genießen.
Man muss jedoch sagen, dass der Lebensstil in Marokko wesentlich „westlicher“ ist und es ein großes, gut verknüpftes Netz von Frewilligen aus aller Welt gibt. Das macht das Einleben und Aufbauen sozialer Kontakte wesentlicher leichter, bringt einen aber ein wenig um die Erfahrung des eigenständigen Ankommens in einem Land und mit dessen Menschen, Kultur und Sprache.

Flo und ich kamen so allerdings in den Genuss interessanter Begegnungen und Gespräche, die über die Tiefe eines Rezeptaustausches für eine „Tagine“ (das Landesgericht Marokkos) hinausreichten und mein Französisch konnte ich obendrein aufbessern, da Marokko als ehemalige Kolonie diese Sprache immernoch verpflichtend an den Schulen lehrt.
Trotz der vielen Bekanntschaften haben wir die des Königs Mohammed VI nicht machen dürfen, obgleich er uns in jedem Geschäft oder Restaurant strahlend von einem Bild an der Wand entgegenlächelte. Er genießt ganz offensichtlich große Beliebtheit im Volk. Dieser Eindruck verstärkte sich auf der Rundreise durch Marokko, die Flo und ich an die Seminarwoche hängten. In keiner der Städte, die wir besuchten und es waren vier an der Zahl, fanden wir auch nur einen Einheimischen, der ansatzweise schlecht auf den König zu sprechen war.

Natürlich beschränkte sich der Fokus unserer Reise nicht im Mindesten darauf, nach Königsgegnern zu suchen, sondern vielmehr einen Eindruck von Marokko zu bekommen.
Im Folgenden habe ich versucht, ein paar meiner Höhepunkte hier festzuhalten.

Inspiriert, transpiriert, wegen mangelnder Schlafgelegenheit vor dem Abflug, und voller neuer Eindrücke brachte uns „AirFrance“ mit echtem Fromage und Croissant wieder nach Kairo und ich kam nicht umhin, trotz ungeklärter Situation ein wenig Vorfreude auf Ägypten zu empfinden.

 

Mit Perspektive im Sandmeer

Christian hatte inzwischen gewirbelt und Kontakt zu dem Nonnenorden der Borromäerinnen aufgenommen, die zwei Klöster in Kairo haben. Noch bevor meine Tante und mein Onkel eintrafen, die sich als Besuch angekündigt hatten, war ein Vorstellungsgespräch ausgemacht und ich besuchte die Schwestern in ihrem Kloster in Maadi, dem Viertel, in dem auch mein aktueller Wohnsitz ist.

Das Kloster dort hat einen deutschen Kindergarten und eine Krankenstation. Die Schwestern sprechen zum Glück Deutsch und so war die Verständigungsbarriere von Beginn an aus dem Weg geräumt. Herzlich wurde ich begrüßt und herumgeführt und nach kurzer Zeit war es eine ausgemachte Sache, dass ich, nachdem mein Besuch wieder abgereist sein würde, in der Krankenstation assistieren werde. Erleichtert und deswegen vielleicht auch ein bisschen größenwahnsinnig geworden, mieteten meine Tante, mein Onkel und ich einen Mietwagen und brausten durch die Wüste. Ohne die wie stets sehr freundliche Hilfe der Ägypter wären wir wohl kaum in der Wüstenoase Siwa angelangt. Dort durften wir drei wunderschöne Tage mit Bergbezwingungen, sandigen Slaloms zwischen Dünen, Wasserwanderungen im Salzsee, Dattelsnacks, filmreifen Sonnenuntergängen und der Besichtigung von Altertümern wie dem Orakeltempel Amons oder der Altstadt aus Lehm in Siwa verbringen.

Auch die manchmal etwas verborgene Schönheit Kairos durfte ich durch die Augen meiner Verwandten noch einmal ganz neu bestaunen mit ihren alten Stadtmauern, den kunstvollen Mosaiken in den Moscheen und den das Stadtbild so prägenden Kuppeldächern.

 

Where do you go?“

Auch diese Frage kann ich endlich beantworten, wenn mich Fremde auf der Straße ansprechen. Seit einer Woche arbeite ich nun auf der Krankenstation der Borromäerinnen in Maadi. Wer auch immer ein Ohrenleiden hat, ist dort richtig aufgehoben, denn in ganz Cairo scheint ie Station für die hochqualitativen Ohrenspülungen bekannt zu sein und wenn ich nicht gerade Medikamente sortierte oder Verbandsmaterial auspackte, durfte ich schon lustigen Fällen beiwohnen, wie der Diagnose eines Doppelkinns oder der Behandlung einer Frau, weil eine andere ihr im Affekt in die Hand gebissen hatte. Jedoch gibt es neben jenen leichteren Fällen auch wesentlich schlimmere Verletzungen, die von Messerstechereien, schlimmen Verbrennungen durch gefährliche Gasöfen in vielen Häusern oder der weit verbreiteten Abhängigkeit von Drogen herrühren und einem das Leid der Menschen vor Augen führen.

Viele der Patienten sind obendrein so arm, dass sie sich nicht einmal die fünf Pfund (~0,60€) für die Behandlung leisten können und umsonst behandelt werden.
Gerade bei betroffenen Kindern, die vielleicht ihr Leben lang durch ihre Verletzung beeinträchtigt sein werden, machen mir solche Schicksale sehr zu schaffen. Das mag klischeehaft klingen, aber mich nehmen diese Fälle ganz besonders auch deswegen, weil ich meine Machtlosigkeit spüre, wenn ich daneben stehe und nichts tun kann, außer mal ein Pflaster zu kleben oder die Wunde abzutupfen.

Doch alles in allem bereitet mir die Arbeit Freude und am beeindruckendsten finde ich, dass der Großteil der Patienten aus Muslimen besteht, die sich der Pflege der Schwestern anvertrauen und sehr liebevoll behandelt werden. Auch ich werde sehr herzlich (Auch hier zeigt sich wieder die immense Gastfreundschaft der Ägypter.) vom Personal in die kleine Gruppe aufgenommen, die neben den zwei ägyptischen Schwestern, die fließend Deutsch sprechen, aus sieben weiteren Helfern besteht, die mich auf Arabisch über das Geschehen informieren oder mich auf kleine Fehler aufmerksam machen.

Eine halbe Stunde bin ich zu Fuße unterwegs, wenn ich von der Krankenstation nach Hause laufe, denn ich bin nun bei der Familie eingezogen, von denen ich schon in den letzten Monaten berichtete. Hedda, Karim und Nuri haben mich sehr lieb in ihren Kreis aufgenommen und bieten mir Obdach für die letzten vier Monate, denen ich jetzt sehr enthusiastisch entgegenblicke.

 

Ganz traditionell kommt vor dem Abschiedsgruß hier ein Rätsel:
Wie heißen die beiden Gebirge, die auf folgenden Bildern zu sehen sind?

Herzliche Grüße,
Lina Ida